"Zum Sonntag" stellt das aktuelle Tagesevangelium mit einem zum Nachdenken anregenden Text vor.
Sonntag, 18.10.2026 - 29. Sonntag im Jahreskreis - A
In jener Zeit
15kamen die Pharisäer zusammen
und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.
16Sie veranlassten ihre Jünger,
zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen
und zu sagen: Meister,
wir wissen, dass du die Wahrheit sagst
und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst
und auf niemanden Rücksicht nimmst,
denn du siehst nicht auf die Person.
17Sag uns also:
Was meinst du?
Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen,
oder nicht?
18Jesus aber erkannte ihre böse Absicht
und sagte: Ihr Heuchler,
warum versucht ihr mich?
19Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt!
Da hielten sie ihm einen Denár hin.
20Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?
21Sie antworteten ihm: Des Kaisers.
Darauf sagte er zu ihnen:
So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört,
und Gott, was Gott gehört!
(aus: https://www.erzabtei-beuron.de/schott)
Lebensfördernde Fragen – eine große Kunst
Haben Sie mal über Fragen nachgedacht? W-Fragen, geschlossene und offene Fragen, rhetorische Fragen, Suggestivfragen, Fangfragen, Menschheitsfragen … Wenn man da erstmal anfängt, wird man so schnell nicht fertig. Das heutige Evangelium hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken. Die Pharisäer und Herodianer – eigentlich nicht gerade Freunde – stellen gemeinsam Jesus eine Frage. Da wird also klar, nicht nur die Art der Frage und ihr Inhalt spielen eine Rolle, sondern auch wer fragt wen und in welchem Zusammenhang, mit welcher Motivation. Wenn ich die Frage und auch wenn ich die Antwort nach-denke, spielt all das eine Rolle. Wenn ich dann die Antwort aus dem Kontext löse, kommt wieder etwas Anderes und Neues dabei raus. Wie das Fragen nicht enden sollte, gilt auch für Antworten: Eine Antwort ist doch im besten Fall kein Schlusssatz, sondern eine Einladung zum Nach- und Weiterdenken.
Ich denke darüber nach, welche Taktik das ist, einen religiös-politischen Gegner zu einer gefährlichen Antwort zu provozieren. Und wie Jesus den Provokateuren und der Provokation begegnet. Jesu Antwort auf die „Steuerfrage“ beschäftigt bis heute die Gemüter. Eine erste Erkenntnis, dass es gar nicht um „die Steuerfrage“ geht. Es geht mal wieder um die Macht, die Jesus den Autoritäten abspricht. Verstanden habe ich auch, dass der Mensch einer jeden staatlichen Macht letztlich unverfügbar ist. Und ich beginne zu fragen: Was gehört denn Gott? Gibt es überhaupt etwas, was ihm nicht gehört?
Rilke, der deutsche Dichter schreibt in einem Brief an Franz Xaver Kappus 1903 sinngemäß: „Man muss versuchen, die Fragen selber lieb zu haben ... Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken in die Antworten hinein.”
Mir wird bewusst, dass das eine große Kunst ist, lebensförderliche Fragen zu stellen und nachdenkenswerte Antworten zu geben.
Ida Lamp
(aus: Botschaft heute, Aachen 2023)