"Zum Sonntag" stellt das aktuelle Tagesevangelium mit einem zum Nachdenken anregenden Text vor.
Sonntag, 12.4.2026 - 2. Sonntag der Osterzeit - A
19Am Abend dieses ersten Tages der Woche,
als die Jünger aus Furcht vor den Juden
bei verschlossenen Türen beisammen waren,
kam Jesus,
trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
20Nach diesen Worten
zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.
Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
21Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat,
so sende ich euch.
22Nachdem er das gesagt hatte,
hauchte er sie an
und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
23Denen ihr die Sünden erlasst,
denen sind sie erlassen;
denen ihr sie behaltet,
sind sie behalten.
24Thomas, der Dídymus genannt wurde, einer der Zwölf,
war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25Die anderen Jünger sagten zu ihm:
Wir haben den Herrn gesehen.
Er entgegnete ihnen:
Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe
und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel
und meine Hand nicht in seine Seite lege,
glaube ich nicht.
26Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt
und Thomas war dabei.
Da kam Jesus bei verschlossenen Türen,
trat in ihre Mitte
und sagte: Friede sei mit euch!
27Dann sagte er zu Thomas:
Streck deinen Finger hierher aus
und sieh meine Hände!
Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite
und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28Thomas antwortete und sagte zu ihm:
Mein Herr und mein Gott!
29Jesus sagte zu ihm:
Weil du mich gesehen hast, glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
30Noch viele andere Zeichen
hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan,
die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind.
31Diese aber sind aufgeschrieben,
damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist,
der Sohn Gottes,
und damit ihr durch den Glauben
Leben habt in seinem Namen.
(aus: https://www.erzabtei-beuron.de/schott)
Wirklich ist nur das, was mit den Sinnen erfasst werden kann. Das wäre, auf den Punkt gebracht, die Einstellung des Homo Faber. Im gleichnamigen Roman von Max Frisch vertritt die Hauptfigur Walter Faber diese Weltsicht: Alles ist technisch machbar und rational erklärbar. „Ich habe mich oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind. Ich sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas – klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis?“
Der normale Mensch von heute dürfte wohl auch so denken: Die Wirklichkeit der Welt lässt sich mit unseren fünf Sinnen und auch mit mathematischen Formeln gut abbilden. Die Formeln der euklidischen Mathematik oder der newtonschen Physik genügen aber nicht mehr, wenn es ins Allerkleinste geht, in die atomare Welt, oder ins Allergrößte, in die Weiten des Universums. Bei Herrn Faber war es schließlich die Grenzerfahrung Krankheit, die sein Weltbild ins Wanken brachte.
Der skeptische (ungläubige) Thomas ließe sich auch zunächst als eine Art Homo Faber charakterisieren. „Wir haben den Herrn gesehen“ – das sind doch Fake News! Was den Thomas dann aber zu einem Homo religiosus macht, erscheint etwas überraschend. Er wird ja nur aufgefordert, das zu gebrauchen, worauf er immer setzt: den Seh- und Tastsinn. Das bringt ihn dann aber zu einem ganz anderen Aha-Erlebnis. Der Bereich der Transzendenz lässt sich zwar mit den Sinnen ansteuern, aber eben nicht voll erfassen. Das ist die höhere Ebene der Wirklichkeit, die Glauben und Vertrauen erfordert, zumindest Hoffnung, dass die wahre Wirklichkeit doch mehr ist, als der Verstand vordergründig nahelegt.
Eckhard Jaschinski SVD
(aus: Botschaft heute, Aachen 2020)