Rastplatz (Martin Manigatterer, pfarrbriefservice.de) (c) M. Manigatterer in: Pfarrbriefservice.de

Impuls zum Sonntag

Rastplatz (Martin Manigatterer, pfarrbriefservice.de)
Datum:
Sa. 12. Sept. 2026
Von:
Harald Brouwers, Pastoralreferent

"Zum Sonntag" stellt das aktuelle Tagesevangelium mit einem zum Nachdenken anregenden Text vor. 

Sonntag, 13.9.2026 - 24. Sonntag im Jahreskreis - A

 

Evangelium Mt 18, 21–35

In jener Zeit
21trat Petrus zu Jesus
und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben,
wenn er gegen mich sündigt?
Bis zu siebenmal?
22Jesus sagte zu ihm:
Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal,
sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23Mit dem Himmelreich
ist es deshalb wie mit einem König,
der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24Als er nun mit der Abrechnung begann,
brachte man einen zu ihm,
der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte,
befahl der Herr,
ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß,
zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie
und bat: Hab Geduld mit mir!
Ich werde dir alles zurückzahlen.
27Der Herr des Knechtes hatte Mitleid,
ließ ihn gehen
und schenkte ihm die Schuld.
28Als nun der Knecht hinausging,
traf er einen Mitknecht,
der ihm hundert Denáre schuldig war.
Er packte ihn,
würgte ihn
und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder
und flehte: Hab Geduld mit mir!
Ich werde es dir zurückzahlen.
30Er aber wollte nicht,
sondern ging weg
und ließ ihn ins Gefängnis werfen,
bis er die Schuld bezahlt habe.
31Als die Mitknechte das sahen,
waren sie sehr betrübt;
sie gingen zu ihrem Herrn
und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32Da ließ ihn sein Herr rufen
und sagte zu ihm: Du elender Knecht!
Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen,
weil du mich angefleht hast.
33Hättest nicht auch du
mit deinem Mitknecht
Erbarmen haben müssen,
so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern,
bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln,
wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

(aus: https://www.erzabtei-beuron.de/schott)

 

Vergebung

Vergebung bedeutet nicht, den anderen freizusprechen von seiner Schuld – sondern mich selbst freizusprechen von meiner Opferrolle oder meinem Anspruch auf Vergeltung. Dafür ist es übrigens nicht einmal nötig, dass der andere seine Schuld einsieht, oder dass er von meiner Entscheidung zu vergeben überhaupt weiß. Ich muss gar keine Worte bemühen und keine Begegnung, in der ich mich verbiege. Aber ich lasse meine um das mir geschehene Unrecht kreisende Gedanken los. Ich wünsche dem anderen nichts Böses. Ich fordere keine Entschuldigung ein. Vergebung bedeutet m.E. zu erkennen, dass ich an keinem Unrecht festhalten soll. Ich darf weiterleben, ohne Groll, ohne Hass, sogar wenn kein Recht gesprochen wird. Und das tue ich für mich, nicht für den anderen. Vergebung zieht den Stachel aus meinem Herzen – egal, was im Herzen des anderen passiert. Wer vergeben lernen will, muss sich der Verletzung stellen, die dazu geführt hat, dass Vergebung nötig wird. Am anderen kann ich nichts tun. An mir sehr wohl. Erlittenes Unrecht wird dadurch nicht nichtig, nicht ausradiert, nicht totgeschwiegen. Aber ich darf entscheiden, mein Leben davon nicht bestimmen zu lassen.
Wenn ich über Vergebung nachdenke, fallen mir unweigerlich die Missbrauchsskandale in den Kirchen ein. Da wurde oft die Vertuschung damit ummantelt und schöngeredet, dass man ja den Tätern vergeben müsse. Das ist Missbrauch des Evangeliums. Und erweiterter Missbrauch der Opfer! Das Verhalten der Täter ist Unrecht und auf der gesellschaftlichen Bühne braucht es Rechtsprechung als einen Akt der Gerechtigkeit. Vertuschung ist Unrecht an den Opfern. Allein der missbrauchte Mensch kann vergeben, das Unrecht benennen und entscheiden, dass es nicht das Leben bestimmen soll, nicht die Tat und ihre Folgen und nicht die Vergeltung sollen ihn oder sie beherrschen. Dafür braucht es keine juristische Verurteilung. Das ist manchmal ein lebenslanger Prozess. Oder noch zugespitzter gesagt: Ohne Gott geht das gar nicht. Weil Gott mich annimmt, meinen Schmerz kennt, meine Tränen sieht, meine Scham aufhebt, deswegen kann ich leben und – wo ich nicht vergeben kann, ihm auch dies hinhalten. Meine Würde kann mir niemand nehmen! Dem stimme ich dann, entgegen meiner Gefühle hinsichtlich einer Erfahrung, zu. Ich lasse dem Unrecht in der Vergebung nicht das letzte Wort! Deshalb kann man dann verstehen, dass der, dem seine großen Schulden erlassen wurden, nichts von Vergebung kapiert hat, wenn er in der Spirale drin bleibt und nicht aussteigt. Die mögliche, Leben ermöglichende Vergebung hat sein Herz nicht erreicht und ihn nicht verwandelt. Damit wird sie nichtig.

Ida Lamp

(aus: Botschaft heute, Aachen 2026)