"Zum Sonntag" stellt das aktuelle Tagesevangelium mit einem zum Nachdenken anregenden Text vor.
Sonntag, 26.4.2026 - 4. Sonntag der Osterzeit - A
In jener Zeit sprach Jesus:
1Amen, amen, ich sage euch:
Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht,
sondern anderswo einsteigt,
der ist ein Dieb und ein Räuber.
2Wer aber durch die Tür hineingeht,
ist der Hirt der Schafe.
3Ihm öffnet der Türhüter
und die Schafe hören auf seine Stimme;
er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen
und führt sie hinaus.
4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat,
geht er ihnen voraus
und die Schafe folgen ihm;
denn sie kennen seine Stimme.
5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen,
sondern sie werden vor ihm fliehen,
weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus;
aber sie verstanden nicht den Sinn
dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7Weiter sagte Jesus zu ihnen:
Amen, amen, ich sage euch:
Ich bin die Tür zu den Schafen.
8Alle, die vor mir kamen,
sind Diebe und Räuber;
aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9Ich bin die Tür;
wer durch mich hineingeht,
wird gerettet werden;
er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10Der Dieb
kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten;
ich bin gekommen,
damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.
(aus: https://www.erzabtei-beuron.de/schott)
Jesus verwendet in seiner Verkündigung Bilder, die seinen Hörerinnen und Hörern aus ihrem Alltag selbst oder aus allgemeinem Erzählgut vertraut sind. So hat in dieser Woche das Bild des Hirten, des guten Hirten, basierend auf biblischen Texten, Konjunktur. Wenn wir aktuell einen der wenigen noch vorhandenen Schäfer in unseren Breiten mit seiner Herde sehen, so z. B. auf unwegsamen Gelände den Rasen „mähend“, dann gewinnt manchmal eine gewisse Romantik die Oberhand. Allerdings aus der Sicht der Hirtinnen und Hirten ist wenig Romantik angesagt. Hirte sein ist ein Knochenjob. Biblisch wird der Hirte so charakterisiert: „(…) die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“ (Joh 10,3f)
Der Hirte geht der Herde voraus. Das bedeutet er gibt Orientierung, die sich ausrichtet an der Sicherheit der Tiere und satten Weideflächen, also am Tierwohl. Die Realpolitik der vergangenen Jahrzehnten belegt, wie die Funktion des Hirten umgekehrt, sich gegen Menschen richten kann. Die Absicht, einer Herde zu verordnen, wo es lang geht, sie mit Lügen zu täuschen, mit Gewalt zu zwingen oder mit Vorurteilen zu füttern damit Begeisterung sich breit macht, hat in unserer deutschen Geschichte im Nationalsozialismus und dem 2. Weltkrieg in eine beispiellose Katastrophe geführt, den Holocaust mit insgesamt 5,6 bis 6,3 Millionen ermordeten Menschen. Da mutierte das Bild des Hirten zur Realität des Tyrannen mit System. Auch aktuell ist der Ruf nach Führung, die schnelle Bereitschaft Verantwortung loswerden zu wollen, demokratische Strukturen als lästig ja sogar hemmend zu verunglimpfen und Ausgrenzung und Stigmatisieren gut zu heißen im Kurs gestiegen. Dazu bieten sich auch heute wieder anfangs im Schafspelz daherkommende Führertypen an, und ausreichend Volk steht offenbar auch schon bereit.
Ja, es geht ein Ruck durch unsere Gesellschaft, der aber eher in Richtung Abgrund und nicht in Richtung „fette Weiden“ führt. Ehrlicherweise muss aber auch neue gefragt werden, wie die satten Weiden heute beschaffen sein müssen auf denen alle satt werden können, Tiere wie Menschen. Dazu sagte im April 1997 in seiner Ansprachen, die als „Ruckrede“ in die Geschichte eingegangen ist, der damalige Bundespräsident Roman Herzog: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen, vor allen Dingen von den geistigen, von den Schubläden und Kästchen, in die wir gleich alles legen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen“. Herzog monierte hier u. a. die mentale Erstarrung der Gesellschaft. Nebenbei: In Jahr 1997 wurde “Reformstau“ das Wort des Jahres. Auf dem 2. Platz lag „Ruck durch Deutschland“.
Christoph Stender
(aus: Botschaft heute, Aachen 2026)