"Zum Sonntag" stellt das aktuelle Tagesevangelium mit einem zum Nachdenken anregenden Text vor.
Sonntag, 16.8.2026 - 20. Sonntag im Jahreskreis - A
In jener Zeit
21zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
22Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm
und rief: Hab Erbarmen mit mir,
Herr, du Sohn Davids!
Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
23Jesus aber gab ihr keine Antwort.
Da traten seine Jünger zu ihm
und baten: Schick sie fort,
denn sie schreit hinter uns her!
24Er antwortete:
Ich bin nur
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
25Doch sie kam,
fiel vor ihm nieder
und sagte: Herr, hilf mir!
26Er erwiderte:
Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen
und den kleinen Hunden vorzuwerfen.
27Da entgegnete sie: Ja, Herr!
Aber selbst die kleinen Hunde
essen von den Brotkrumen,
die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28Darauf antwortete ihr Jesus:
Frau, dein Glaube ist groß.
Es soll dir geschehen, wie du willst.
Und von dieser Stunde an
war ihre Tochter geheilt.
(aus: https://www.erzabtei-beuron.de/schott)
„Mein Mann hat Depressionen.“ – „Meine Frau ist Alkoholikerin.“ – „Mein Sohn hat die Diagnose HIV-positiv.“ – „Mein Vater hat Creutzfeldt-Jakob-Demenz.“ – Es gibt Erkrankungen, über die redet man nicht so ohne Weiteres. Nicht nur die Kranken sind krank, was ja schon genug wäre; auch die Angehörigen fühlen sich noch irgendwie „besudelt“. In vergangenen Jahrhunderten wurden Kranke und Behinderte oft einfach weggesperrt. Sterbende hat man in Kliniken in Badezimmer und Abstellräume geschoben. Und auch wir reden von Inklusion, weil sie eben nicht selbstverständlich ist. In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Es ist kein Makel, anders zu sein, behindert, krank oder sterbend. Bis heute muss man das nachdrücklich sagen, fordernd, fantasievoll, beharrlich – damals wie heute.
Im Evangelium dieses Sonntags steht die Mutter zu ihrem kranken Kind. (Der Vater scheint sich schon abgesetzt zu haben …) Sie offenbart ihre Not und fordert Jesus zum Handeln auf – nachdrücklich. Jesus lässt sich darauf ein: Einzelfall gegen Prinzip, die spezielle Situation dieses Individuums gegen die Breitenwirkung, die sein Tun im „Heidenland“ auslösen könnte. Er gibt der Frau ihre Zukunft zurück, indem er ihr die Heilung der Tochter zusagt. Der Prozess ist breiter: Jesus weitet seinen Blick auf die nicht-jüdischen Völker – und das in deren Lebensbereich. Die Signalwirkung, die das im Gebiet von Tyrus und Sidon haben kann, wo er doch (in einem zeitlichen Sinn) zuerst zu seinem eigenen Volk gesandt ist, nimmt er in Kauf. Welch ein Glück, so ein Vorbild zu haben!
Ida Lamp
(aus: Botschaft heute, Aachen 2026)